Beim Kutschfahrturnier in Efringen-Kirchen ist Präzision gefragt

VonReinhard Cremer Mo, 26. September 2022 Efringen-Kirchen

Seit 20 Jahren veranstaltet der Reit- und Fahrverein Dreiland (RFV) ein Fahrertreffen. 

Fand es die ersten Jahre noch auf dem Römerhof in Schliengen statt, ist man seit 2005 an der Landstraße zwischen Kleinkems und Rheinweiler zu Hause. Dort fand am vergangenen Sonntag das große Jubiläumsturnier statt. Vorsitzender Johnny Rosetti und Trainerin Steffi Engert sind seit Anbeginn dabei.
Auch wenn Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus dem gesamten Dreiland am Start sind, hat sich das Turnier doch seinen familiären Charakter bewahrt. Ponygespanne gehen neben Großpferden über den Parcours. Ein- und Zweispänner kurven durch die Hindernisse. Auch der Nachwuchs sitzt bereits auf dem Fahrersitz oder auf Mamas Schoß. 

Veranstalter ist die Vereinigung der Freizeitreiter und -fahrer in Deutschland (VFD).

Apollo zieht vor allem bei Ausfahrten die Kutsche
Von Anfang an dabei ist Nicolas "Niggi" Lüscher mit seinen Pferden. Jahrelang war er als Chirurg an der Crossklinik Basel, der größten Schweizer Klinik für Orthopädie und Sportmedizin, tätig und machte die Klinik zum Hauptsponsor des Turniers. Heute betreibt er im Ruhestand ein landwirtschaftliches Anwesen in Maulburg. Die Klinik blieb dem Turnier jedoch als Sponsor neben dem Dachverband VFD sowie anderen Unternehmen und Privatpersonen erhalten.
An diesem Sonntagvormittag lenkt Niggi Lüscher den Pferdetransporter mit Kutsche, dem Pinto-Pony Apollo und seiner Beifahrerin auf der Kutsche, Margrit Hübscher, von Maulburg nach Kleinkems. Dort angekommen, wird mit den Vorbereitungen zum Start begonnen. Zunächst einmal muss der Meldebogen ausgefüllt werden.

Keiner der Tennisbälle darf zu Boden fallen
Währenddessen harrt Apollo der Dinge im Transporter. Turniere zählen nicht zu seiner Hauptbeschäftigung. Eher schon wird er von Niggi, wie alle Nicolas Lüscher nennen, zu Ausfahrten vor Kutschen gespannt. Bevor er jedoch den Transporter verlassen kann, begibt sich sein Fahrer in seiner Eigenschaft als Fahrwart des RFV mit dem Zollstock auf den Turnierplatz, um die Hindernisse zu vermessen. An jedem Hindernis, gleich welcher Art, stehen links und rechts jeweils eine orangefarbene Pylone, "Döggeli" genannt, im Abstand von 1,60 Meter. Auf jeder liegt ein Tennisball, der bei der geringsten Berührung zu Boden fällt und so einen Fehler anzeigt.
Mit den anderen Teilnehmern und Teilnehmerinnen geht Niggi zur Parcoursbegehung. So können sich alle den Weg durch die Hindernisse einprägen – was einigen nicht immer vollständig gelingt. Gefahren werden immer zwei Durchgänge. Die Ergebnisse werden nach Fehlerpunkten –
für jeden Fehler gibt es fünf Punkte – und Zeit addiert. Die Gespanne müssen durch enge Tore manövrieren, eine klappernde Brücke befahren und kleine Geschicklichkeitsaufgaben lösen. Außer Geschwindigkeit sind Geschick und präzise Lenkung ausschlaggebend.
Apollo muss derweil warten. Die Ergebnisse seines Wartens werden noch, bevor er über die Rampe den Transporter verlassen kann, von der Beifahrerin mit Besen und Schaufel beseitigt. Geduldig lässt er sich neben dem Wagen das Geschirr anlegen und in die Deichsel der Marathon-Kutsche einspannen. Gewissenhaft kontrolliert Niggi, ob alles vorhanden ist. "Es gibt in solcher Situation nichts Ärgerlicheres, als wenn man etwas vergessen hat", erklärt er.
Zur Ausrüstung gehören traditionell ihre roten Jacken mit der Startnummer auf dem Rücken sowie – ganz wichtig – die Helme. Auch eine lange Peitsche gehört dazu, die jedoch kein Schlaginstrument ist, wie Niggi sagt, sondern der verlängerte Arm des Fahrers oder der Fahrerin. Mit Blick zum Himmel stellt er beruhigt fest, dass "der Wettergott äußerst gnädig gestimmt" ist.

Es geht um die Freude am Fahren
Vor dem Start fährt das Gespann zum Warmfahren hinter den Parcours. So können die Pferde schon behutsam an den sie erwartenden Stress herangeführt werden. Für manche aber, und wie sich zeigte auch für Apollo, scheint Stress am heutigen Tag ein Fremdwort zu sein. Der sonst so "richtig rassige" Wallach bemüht sich um größtmögliche Gelassenheit, sodass Steffi Engert am Mikro den Fahrer humorvoll auffordert, den Wallach im zweiten Durchgang "auf Trab" zu bringen. Nun, von der gestoppten Zeit her ist das Gespann nicht das Schnellste, aber aufgrund von nur 15 Fehlerpunkten – drei Mal fiel ein Ball von den Döggeli – reicht es in der Klasse Pony-Einspänner unter acht Teilnehmern immerhin zum dritten Platz. Niggi Lüscher zeigt sich erstaunt über das gute Abschneiden.
Aber der Sieg ist letztlich gar nicht entscheidend. Teilnehmer wie Vereinsführung versichern, dass hier keiner belächelt werde. "Es geht um die Freude am Fahren", sagt Annette Rüttnauer, die auch selber am Start ist. "Hier kann sich jeder hintrauen, hier sind keine auf Sieg fahrenden Turnierfahrer am Start."

Niggi Lüscher muss noch aufräumen
Dass ein solches Turnier in Deutschland ziemlich einmalig ist, bestätigt auch der anwesende Landesvorsitzende Baden-Württemberg der VFD, Albert Weitzmann, unter deren Dach der Verein von Beginn an aktiv ist und die als Veranstalter des Turniers fungiert. Alle Fahrer und Fahrerinnen erhalten Preise. Beim Nachwuchs gibt es keine Verlierer, sondern nur Sieger. Weitzmann überreicht ihnen die Siegerurkunden.
Nach getaner wird Apollo wieder in den Transporter verladen und ab geht’s in den heimischen Stall in Maulburg. Für Niggi Lüscher aber ist der Tag auf dem Turnierplatz noch nicht zu Ende. Er kommt mit dem Transporter wieder zurück, um aufzuräumen und alles abzutransportieren.

Ressort:Efringen-Kirchen